Leserbrief
zum Artikel „Medizin – eine exakte Wissenschaft?“
„Dr.
med. Mabuse“, H. 137, Mai/Juni 2002
Der Artikel (s. oben) von Gerald Ulrich
reflektiert auf hohem Niveau die wissenschaftlichen Grundlagen der Medizin als
Handlungswissenschaft. Er hebt ab auf die Differenz zwischen exakten
Naturwissenschaften wie die Physik, deren Gegenstände kontextunabhängig seien,
und Indizienwissenschaften wie die Medizin, deren Wahrscheinlichkeitsaussagen
niemals den Status von allgemeinen Gesetzesaussagen bekommen könnten. Darüber
kann man sicherlich diskutieren. Gerade die moderne Physik hat ja dieses Dogma
allgemeingültiger, beobachterunabhängiger Gesetzmäßigkeiten gründlich in Frage
gestellt. Diese Diskussion geht jedoch am Thema EBM vorbei.
Leider kennt der Kollege Ulrich anscheinend
die Grundlagen der Evidence Based Medicine zu wenig und argumentiert gegen ein
Phantom, wenn er immer wieder die betont, EBM würde die „ärztliche Erfahrung“
abwerten. Er hat ja Recht, wenn er schreibt: „Auch durch EBM wird sich nicht
vermeiden lassen, dass individuelle ärztliche Erfahrung nur in einem
langjährigen mühsamen Prozess zu erwerben ist.“ Natürlich gibt es diesen
Gegensatz zwischen Erkenntnissen, die nur in systematisch angelegten Studien
gewonnen werden können, und einer ärztlichen Erfahrung, die man individuell
erwerben muss. Wenn dieses Niveau der Reflexion auch den ärztlichen Alltag (in
Klinik und Praxis) bestimmen würde, wäre viel gewonnen. Tatsache ist jedoch,
dass die meisten Abläufe in der klinischen Routine von ganz anderen Prinzipien
geprägt sind, den Empfehlungen der „guten alten Männer“, den Versprechungen
vieler bunter Behandlungsverfahren, hinter denen meist eindeutige, pekuniäre
Interessen stehen (ob bittere Pillen oder Alternativmedizin, da sind sie sich
ganz ähnlich) und dem völlig unkritischen Verweis auf die eigenen Erfahrungen,
die natürlich immer die richtigen sind („Wer heilt, hat Recht.“).
Ich bin seit 13 Jahren als Allgemeinarzt in
der Praxis tätig und damit sicher ganz unverdächtig, ein bloßer Theoretiker zu
sein. Gerade aufgrund dieser Erfahrungen vermisse ich bei vielen
Entscheidungen, die ich aufgrund meiner klinischen Erfahrung, aufgrund
langjähriger Routine oder einfach „aus dem Bauch heraus“ fällen muss, eine
theoretische Begründung. Was hilft mir denn, die Spreu vom Weizen zu trennen?
EBM ist zwar ein neues Schlagwort, der Kampf gegen das „autistisch undisziplinierte
Denken in der Medizin“ ist aber so alt wie die naturwissenschaftliche
Begründung der Medizin als Wissenschaft. Wir haben inzwischen erkannt, dass
eine ausschließlich biologische Sichtweise vielen Erkrankungen nicht angemessen
ist. Daraus sind die Psychosomatik, der Krankheitsbegriff der WHO, die systemische
Familientherapie etc. hervorgegangen. Diese Ansätze machen aber eine Bewertung
klinischer Fragestellungen wie etwa „Profitiert der Patient nach dem
Herzinfarkt von einem Beta-Blocker?“, „Was bringen Rheuma-Salben?“, „Wem hilft
Johanniskraut?“ nicht überflüssig. Dabei hilft mir aber EBM.
Sicher nicht in dem Sinne, dass nun alle
Fragen gelöst wären. Gerade die EBM macht ja allzu deutlich, wo Lücken unserer
Kenntnisse liegen. Methodisch wichtigste Voraussetzung ist immer, zuerst einmal
die Frage für den individuellen Patienten zu formulieren. Handelt es sich
überhaupt um ein Problem, dass ich mit externer Evidenz aus klinischen Studien
lösen kann? Genau das, was Kollege Ulrich fragt: „Für welches
Patientenkollektiv sind die Studienaussagen gültig?“, „Kann man in diesem Fall
mit statistischen Wahrscheinlichkeiten argumentieren?“, „Akzeptiert der
individuelle Patient meine Therapieverschläge?“ (Vielleicht will er doch lieber
Schamanismus.), gehört ja zu den Überlegungen, die ich in jedem Fall anstellen muss.
Da wäre mir aber doch geholfen, wenn ich in einem „Kochbuch“ nachlesen könnte,
wie die Studienlage zu dem von mir erkannten Problem ist.
Mein persönliches Fazit: die Polarisierung –
hier Kochbuchmedizin – da ärztliche Erfahrung – bringt uns nicht weiter,
verstellt nur den Weg zu verbesserter Erkenntnis und notweniger Reflexion über
die Grundlagen unseres ärztlichen Handelns. Wir sollten es begrüßen, dass die
Theoretiker des EBM ihre Zeit mit Literaturrecherchen verbringen, wozu wir
keine Zeit haben, und selbstbewusst unsere Sichtweise und unsere
Fragestellungen aus der Praxis vertreten. Dazu gehört zum Beispiel auch die
Erfahrung, dass bestimmte Ergebnisse klinischer Studien sich im Alltag nicht
reproduzieren lassen. Etwa weil die Probleme komplexer sind. Oder weil die
Patienten einfach ihre verordneten Pillen nicht nehmen. Oder Pillen fordern,
statt Umstellung ihrer Lebensweise. Daraus könnte dann ein fruchtbarer Dialog
entstehen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Stefan Bilger