Thursday, 5. November 1998 12:21:20
MCS-Forum Item
Von: UMINFO,Berlin
Betreff: MCS-FV des UBA
An: MCS-Forum

OFFENER BRIEF ZUM MCS-FORSCHUNGSVORHABEN DES UMWELTBUNDESAMTES

Bereits seit einigen Jahren beschäftigt sich das Umweltbundesamt mit dem Thema Multiple Chemikalienempfindlichkeit (MCS). So veranstalteten wir unter anderem mehrere wissenschaft-liche Fachgespräche zu MCS. Mit Schreiben vom 10. September 1998 bat das Umweltbundesamt die Fachwissenschaft um Einreichung von Anträgen zu einem MCS-Ursachenforschungs-vorhaben. Daraufhin erhielten wir viele Reaktionen, die uns neben Zustimmung auch Kritik und Mißverständnisse offenbart haben. Diese Beiträge nehmen wir sehr ernst.

Das Umweltbundesamt hat von Anbeginn eine offene Diskussion angestrebt. Die auf unsere Anregung und auf unser Bitten von verschiedenen Arbeitsgruppen erstellten Thesenpapiere zu möglichen Forschungsstrategien wurden in der Zeitschrift "Umweltmedizin in Forschung und Praxis" öffentlich zur Diskussion gestellt. Diese und andere Artikel waren auch im Mailbox-System des Umweltmedizinischen Informationsforums (UmInfo) breiten Kreisen zugänglich - dies wurde in zahlreichen umweltmedizinischen Publikationsorganen (z.B. "Zeitschrift für Umweltmedizin", "Deutsches Ärzteblatt", "Umweltmedizin in Forschung und Praxis") bekanntgegeben. Diese Diskussionsangebote wurden bisher leider kaum genutzt, und die Reaktionen aus den letzten Tagen haben uns gezeigt, daß unsere Anstrengungen in diesem Bereich offensichtlich nicht ausgereicht haben. Ich lade Sie nun erneut zur kritischen Diskussion ein.

Das Forschungsvorhaben ist noch nicht vergeben. Seien Sie versichert, daß das Umweltbundesamt bei der Vergabe des Vorhabens mit ganz besonderer Umsicht vorgehen wird. Wir werden nicht nur Wert darauf legen, daß ein wissenschaftlicher Beirat das Vorhaben während der gesamten Laufzeit begleitet, sondern insbesondere auch darauf, daß diesem Beirat Ärzte angehören, die das Vertrauen von Patienten und Selbsthilfegruppen genießen. Der Deutsche Berufsverband der Umweltmediziner hat sich bereit erklärt, aktiv am Vorhaben mitzuwirken und seinerseits Kollegen für den Beirat vorzuschlagen.

Unserer Ausschreibung vom 10. September 1998 ist zu entnehmen, daß sowohl Ergebnisoffenheit als auch Thesenoffenheit wesentliche Bestandteile des Vorhabens sein sollen. Deswegen wird die Vergabe nur an solche Zentren erfolgen, die sich offen für alle Fachrichtungen und therapeutischen Herangehensweisen zeigen. Die konkrete Ausgestaltung der Studie soll im Konsens und in der Diskussion zwischen beteiligten Wissenschaftlern und Beirat erfolgen. Ich gehe davon aus, daß durch diesen konstruktiven Dialog die berechtigten Interessen der Betroffenen ausreichend berücksichtigt werden.

In jüngster Zeit sind wissenschaftliche Ergebnisse bekannt geworden, die erstmalig auf eine Objektivierbarkeit von MCS hoffen lassen, was in der Vergangenheit mit der üblichen medizinischen Diagnostik nicht erreichbar war. Ziel unseres Forschungsvorhabens ist eine solche bessere Objektivierbarkeit des Krankheitsbildes, und wir sind zuversichtlich, daß damit die Pathophysiologie besser verstanden werden kann. Wir stimmen mit international anerkannten Wissenschaftlern überein (zum Beispiel haben Claudia Miller und Nicholas Ashford dies in ihrem Buch gefordert), daß nur eine wissenschaftliche Herangehensweise erfolgversprechend und hilfreich sein kann. Die wissenschaftliche Herangehensweise ist eine unabdingbare Voraussetzung für die Entwicklung erfolgreicher Therapien und zu einer Anerkennung der Krankheit durch international maßgebliche Gremien (ICD-Klassifikation). Gerade vor diesem Hintergrund beabsichtigt das Umweltbundesamt keinesfalls eine "Psychiatrisierung" der Patienten.

Forschung ist Grundlage für jede Konsensbildung, die zu einer breiten Akzeptanz des diagnostischen Vorgehens führen soll. Das Forschungsvorhaben des Umweltbundesamtes sollte als erster Schritt und als Chance im Interesse der Betroffenen gesehen werden. Daher bitte ich Sie um Ihre Kooperation und Ihre Unterstützung bei der Durchführung des Vorhabens.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Kurt Schmidt