Protokoll des Qualitätszirkels Umweltmedizin Rhein-Neckar

 

 

Sitzung vom 18.01.2001 in KV Mannheim

 

 

Anwesenheitsliste:

 

Dr. Musselmann, Dr. Mayer, Dr. Beumer, Dr. Danzer, Dr. Orhmer, Dr. Eisele, Dr. Wesch, Dr. Eicher, Dr. Thomalla, Dr. Fuchs, Dr. Jansen, Dr. Bilger, Dr. Bär, Dr. Bitzer, Dr. Manigault.

 

Themen: Aktuelles (B. Musselmann): Farbe nimmt Sehschärfe: Bei Britischen Dockarbeitern wurde eine erworbenen Farbsehstörung sowie neurotoxische Schädigung durch Lösungsmittel und TBT festgestellt.

 

(M. Jansen): Fertilitätsstörung durch Wärmebelastung (sitzende Tätigkeiten), oder auch verursacht durch PCB Lösungsmittel und anderen.

 

(S. Bilger): Kostenloser Bezug des „Forum Wohn Gesundheit“ über: Europäische Teppichgemeinschaft e.V. Hans-Böckler-Str. 205, 42109 Wuppertal.

 

(M. Mayer): Regionale Belastung der Umwelt durch „Altlasten“ aus dem Mittelalter, vorwiegend in Bereich Bergstraße durch den damaligen Erzabbau (Karte als Bilddatei im Anhang).

 

(C. Eicher): Von wem werden Schulen überprüft? Bei Verdacht auf Umweltbelastung sollte eine Initiative über den Elternbeirat gestartet werden. Als weiterer Ansprechpartner ist die zuständige Gemeinde anzusehen. Gesundheitsämter und Schulamt sind ebenfalls zu benachrichtigen und einzuschalten. Im Nachtag zu der Fallvorstellung der Schülerin mit Hashimoto-Thyreoititis ist jetzt Wohlbefinden eingetreten, nachdem ausreichend lange ausreichend Schilddrüsenhormone substituiert wurden. Die Schülerin verblieb in dem bisherigen Wohnumfeld, Sanierungsmaßnahmen im Haus waren nicht durchgeführt worden.

 

Fallvorstellung 1

 

Frau 60 Jahre klagte nach Anwendung eines Schuhimprägnierungsmittels akut über bronchitische Beschwerden, die persistierend anhielten. Die pneumologische Diagnostik ergab bislang keine erkennbare Ursache. Zu diskutieren sind allergische Reaktionen auf Inhaltsstoffe des Schuhimprägnierungsmittels (dabei wird eher unwahrscheinlich, dass das Mittel selbst Auslöser ist, eher im sinne einer Starterreaktion). Nicht abgeklärt ist ein Infekt mit Mykoplasmen. Weiter diskutiert eine Ozonbelastung als Ursache, da die Symptomatik im Sommer begann. (Allergische Reaktion?).

 

58 jährige Frau von Beruf Postangestellte mit multiplen Allergien gegen Acetylsalicylsäure, Penicillin, jodhaltige Kontrastmittel, Schimmelpilz, Paprika Rotwein.

 

Frühere OP: Blinddarm 54, Tonsillektomie ‚70,

Linke Niere entfernt 1978, Auge Laserbehandlung wegen?

1 Geburt: Fehlgeburten  1.

 

Herz-/Kreislauferkrankungen: Bluthochdruck

bis Nieren OP

Magen- Darmerkrankungen: Zwölffingerdarm-Geschwür 1966

Leber/Galle/Pankreas:  Hepatitis 1946-47

Niere/Blase: Schrumpfniere durch Chronische Entzündungsreaktionen der Rest-Niere Beschwerden von Phenacetin verursacht

 

Skelett/Muskeln/Gelenke: Rachitis, Arthrose

rechter Fuß

Augen: Grüne Star Anfall 1995

 

Familienanamnese: Herzinfarkt Vater, Mutter Hypertonie Carcinom

 

15.9.00 Vorstellung wegen akuter heftigster Kopfschmerzen (11.9.00)  mit Schwindel und Erbrechen, aufgetreten nach Übernachtung auf neuem Futon

 

Vorerkrankung: Hypertonie, Hepatitis, Phenacetinniere, Glaukom.

Familienanamnese: Herzinfarkt Vater, Hypertonie und Karzinom Mutter.

 

Am 11.09. nach Anschaffen eines neuen Futons akute heftigste Kopfschmerzen mit Schwindel und Erbrechen und Sehstörungen. Vorstellung in der Umweltpraxis am 15.09.  .

 

Befunde: RR 158/102 P72 ,keine ES, Größe 162 cm., Gewicht 56 kg. Neurologisch unauffällig.

 

Wegen des akuten Schmerzanfalles hatte sie am 12.09. die Kopfklinik in Heidelberg aufgesucht. Ein Glaukomanfall konnte ausgeschlossen werden, die neurologische Untersuchung stellte die Diagnose einer Migräne mit accompagné–Symptomatik. Als weitere Diagnostik wurde noch eine Kernspintomographie von der Patientin anfertigen lassen. Umweltmedizinische Diagnostik: Auf Wunsch der Patientin erfolgte eine Analyse des Futonmateriales auf Umweltschadstoffe. Hierbei wurden keine erhöhten Konzentrationen von Pestiziden gefunden. Weiterer Verlauf: Die Patientin schlief zunächst in ihrem bisherigen Bett weiter. Die „Anwesenheit“ des Futons im Schlafzimmer lies keine weiteren Krankheits-Symptome mehr entstehen. Die Patientin konnte schließlich den neuen Futon dann auch benutzen.

 

Diagnose: Es liegt keine umweltmedizinische Erkrankung vor. Die akute Schmerz-Symptomatik sind entweder im Rahmen der Migräne aufzufassen oder als orthopädische Komplikationen mit Blockierungen im oberen HWS- Bereich, ausgelöst durch den neuen Futon, zu erklären. Hinsichtlich der Umweltbelastung zeigte die im weiteren Verlauf durchgeführte Abklärung mittels EAV ebenfalls keine Reaktion.

 

Falldarstellung 2

 

Erzieherin, 41 Jahre, bekannte Polinosis auf Gräser klagte über zunehmende Müdigkeit, Kopfschmerzen, rote Augen, Atemschwierigkeiten an ihrem Arbeitsplatz, bei Urlauben und Wochenenden Besserung der Symptomatik. Bei Kolleginnen waren ähnliche Symptome aufgetreten (Allergie 5 Betroffene, chronischer Husten 4, Schilddrüsenprobleme 2, Müdigkeit 6, Gliederschmerzen 5, Haarausfall 4, Sinusitis 7, Hautprobleme 2, Zahnfleischprobleme 4). In dem Kindergarten war ein Wasserschaden mit Schimmelpilzbefall von Wänden und Decken aufgetreten.

 

Die besondere Situation ergibt sich aus der Beurteilung der Ursachen. Das Gutachten von Dipl. Ingenieur Böge aus Flensburg lautet auf massiven Bakterien und Schimmelpilzbefall von Wänden, Decken und Möbel. Die daraus abgeleiteten notwendigen Sanierungsmaßnahmen wurden von dem Betreiber des Kinderartens als zu hoch erachtet und ein „gegen Gutachten“ über das Gesundheitsamt Mannheim erstellet. Die bislang vorliegenden Daten lassen ein etwa gleiches Ergebnis erkennen, wobei lediglich das Ausmaß des Befalls unterschiedlich bewertet wird.

 

Hierüber lässt sich die derzeitige Diskussion über die mykologischen Meßmethoden weiterführen. (Derzeit wird eine Ad hoc Kommission im Landesgesundheitsamt über notwendige Standardisierungsverfahren in der Mykologie ihre Arbeit aufgenommen haben). Im Rahmen der möglichen Ursachenforschung wurde festgestellt, dass der Kindergarten auf belastendem Gelände gebaut ist. Ein Gutachten von 1990 über die Bodenbelastung ist nicht öffentlich zugänglich. Ein weiteres Gutachten von 1998 weist erhöhte Werte für Arsen, Blei und Kadmium auf. Die beiden Gutachten unterscheiden sich allerdings deutlich hinsichtlich der zu treffenden Maßnahmen, wobei das Gesundheitsamt lediglich auf austrocknende Maßnahmen hinwies.

 

Der Vorfall im Kindergarten, weiter forciert durch die Eltern der betroffenen Kinder, wurde auch von der lokalen Presse aufgegriffen. Generell wurde die Frage diskutiert, wie Umweltmediziner sich in solchen Fällen verhalten sollten: Ein direktes Vorgehen/Eingreifen ohne Auftrag wurde als nicht empfehlenswert eingestuft. Allerdings erschien es den Beteiligten notwendig, durch Hinterfragen a) auf die Existenz einer umweltmedizinisch aktiven Ärztegruppe in der Region aufmerksam zu machen und b) Unterstützung bei Bedarf anzubieten. Einzuschalten ist auf jeden Fall die zuständige Berufsgenossenschaft. Bei Gutachtenstreitigkeiten wäre zunächst das Landesgesundheitsamt, bei Rechtsstreitigkeiten ein unabhängig zu benennender Gutachter einzusetzen.

 

Verlauf bei der Erzieherin: Nach Expositionsvermeidung und homöopathischer Behandlung haben sich die Symptome bei der Erzieherin deutlich gebessert.

 

Kooperation mit anderen Qualitätszirkeln:

 

S. Bilger hatte Kontakt zum Qualitätszirkel Umweltmedizin in Mainz über Herrn Germann aufgenommen. Herr Jansen wird sich mit Herrn Klee in Mainz zur Absprache gemeinsamer Aktivitäten in Verbindung setzten.

 

 

Protokoll: M. Mayer