Qualitätszirkel Umweltmedizin Rhein-Neckar                  

 

 

Protokoll Qualitätszirkel Umweltmedizin

 

Sitzung vom 29.11.2001

 

Teilnehmer: Dr. Musselmann, Allgemeinarzt, Wiesloch, Dr. Danzer, Hautarzt, Karlsruhe, Dr. Eicher, Allgemeinärztin, Eppelheim, H. Fischer-Pokora, Allgemeinarzt, Bruchsal, Dr. Manigault, Gynäkologin, Heidelberg, Dr. Mayer, Internist, Heidelberg, Dr. Thomalla, Allgemeinärztin, Heidelberg, Dr. Janzen, Hautarzt, Heidelberg, Dr. Bär, Allgemeinärztin, Wiesloch, Dr. Bilger, Allgemeinarzt, Dossenheim

 

 

Bericht von der umweltmedizinischen Tagung in Würzburg , 9. bis 11. November 2001 (Bilger)
Veranstalter: dbu, IGUMED, ÖÄB

 

Prof. Huber berichtete Befunde von 146 Transplantationspatienten: Belastung mit PCB und HCB; immunologische und neurotoxische Störungen. Typische Laborbefunde: T-Lymphozyten erniedrigt; Interferon-Gamma erniedrigt, gGT erhöht. Therapieziele: Expositionsvermeidung durch Sanierung des häuslichen Milieus (Kunststoffe, Reiniger, Kosmetik), vermehrte Diurese, antioxidat. Beh. (Vit. E, Liponsäure), Herdsanierung, Mykosen.

 

Herr Menzel (Beauftragter für Arbeitssicherheit in RP Wiesbaden) berichtete über die PCB-Sanierung des Justizgebäudes C in Frankfurt (1990), Quelle Holzdecken (Wände sekundär). Entfernung von Decken und Bodenbelägen, Wandanstrich mit flüssigem Stickstoff, "Einhausung" der Betondecken mit alu-beschichteten Platten. Reduzierung von 2-4000 ng/m3 Raumluft auf 80 ng/m3; Gesamtkosten 248.- DM/m3

 

Herr Jäger (Lehrer, GEW Hessen): Umfrage bei Schülern und Lehrern. Raumluftmessung im Sommer (niedrigste Werte im Februar): Durchsetzungsstrategie: Einbeziehung der Öffentlichkeit, juristischer Weg.

 

Prof. Frentzel-Beyme: Kritik an Expertenempfehlungen, die eine hohe Hintergrundbelastung als Argument für zu hohe Grenzwerte anführen. Details zu PCB-Analytik und möglichen Effekten (Messung spezifischer Kongemere: PCB 153 induziert Enzyme für Phenobarbital-Metabolismus, PCB 118 hat Dioxin-ähnliche Wirkung, PCB 28 neurotoxisch wie andere; hormonähnliche Wirkung, Veränderung der Dopamin- Konzentration im Gehirn mit Folge unterschiedlicher "Befindens"störungen). Welche Effekte sind für eine epidemiologische Studie geeignet? Geplant ist eine Studie bei Lehrern (langjährige Exposition am gleichen Arbeitsplatz) mit harten Endpunkten (Frühberentung, Frühsterblichkeit). Kohortenstudie (Gesamtkollektiv) - Eventuell eingebettete Fallkontrollstudie. Finanzierung ist ungeklärt.

 

Gesamttendenz der Vorträge zum Thema PCB: die Brisanz des Themas wird zu wenig beachtet. Die Altlasten der bekanntlich seit 1989 verbotenen Substanz werden uns weiter beschäftigen. Sanierung ist teuer. Die gesundheitlichen Auswirkungen werden (möglicherweise) unterschätzt bzw. bewußt heruntergespielt.

 

Dr. Baur: Verengung des Umweltbegriffs auf stoffliche Umwelt überholt. Neue Medien (Computer; Handy, Internet) bedrohen unsere Erfahrungen von wirklichem Leben: "Jede Stunde online fehlt für anderes." Risiken: Reizüberflutung, Entfremdung, Sucht, terroristisches Potential (durch Verstecken von Material in Bilddateien), Beeinflussung durch Werbung, ungleiche Zugänge - neue soziale Ausgrenzung. Medienanamnese bei Kindern zu empfehlen (wieviel Zeit am Fernseher, Gameboy, PC?). Internet: www.ikoe.de (dort auch Texte des Artikels von W. Baur), www.adbusters.org

 

Dr. Hensel: Allgegenwart der Werbung (mit zahlreichen Beispielen). Will die Forderung von W. Bruker "Eßt nichts, wofür Werbung gemacht wird." generalisieren: alle wichtigen Dinge im Leben brauchen keine Werbung.

 

In der anschließenden Diskussion (mit Jürgen Bilger, Muntschick, Grau, Nellen) ging es etwas kreuz und quer um Kinder und Fernsehen, Gewalt in Video und Computerspielen, Unsinn des Computerunterrichts an Schulen, Sehtests und PCB-Ausdünstungen. Neben einer generellen Kulturkritik entstand ein wenig differenziertes Bedrohungsszenario. Gefordert wurde zwar eine pädagogische Antwort, aber diese blieb unkonkret. Als Chance für die Zukunft wurde die Möglichkeit angedeutet, zwischen den verschiedenen Welten (der erfahrbaren und der virtuellen) hin und her zu wandern.

 

Persönliches Fazit: Trotz einzelner Kritikpunkte eine sehr anregende und gut besetzte Veranstaltung. Habe von dem einen Tag sehr profitiert und Wissen und Anregungen für die eigene Praxis mitnehmen können. Bei Umweltbelastungen gilt: immer daran denken; d. h. öfter auch "normale" Patienten daraufhin befragen, Diagnosen (auch Verdacht) öfter dokumentieren, um einen entsprechenden Versorgungsbedarf nachweisen zu können, umweltmedizinische Beratung großzügig abrechnen. Die Umwelt hat zu wenig Lobby (auch innerhalb der Ärzteschaft). Ohne in Paranaoia zu verfallen: nur steter Tropfen höhlt den Stein.

 

Die anschließende Diskussion im QZ drehte sich um die Fragen: Wie weit fassen wir umweltmedizinische Beratung? Etwa bei Allergien, Hausstaubmilben, chronischen Krankheitsbildern, Urtikaria, Bronchitis, Asthma, Lärmschäden, Tinnitus. In all diesen Fällen kann eine umweltmedizinische Beratung indiziert sein. Es wurde überlegt, eine Liste von Diagnosen zu erstellen, bei denen an Umweltursachen zu denken ist.

 

 

Fallvorstellung Dr. Berthold Musselmann: 36-jährige Patientin mit Mamma-Ca (T3-Tumor) wünscht komplementäre, naturheilkundliche Therapie.Berufliche Vorgeschichte: früher hohe Leberwerte (Ursache ungeklärt); Arbeit in einem Kindergarten, der wegen PCB-Belastung geschlossen wurde. Diskussion des weiteren Vorgehens.

 

Weiterer Bericht über einen Patienten mit Haarausfall: hohe Bleibelastung bei der Haarmineralanalyse.

Ursache war eine bleihaltige Haarfärbecreme.

 

Bei dieser Gelegenhit auch Verweis auf eine Meldung der Gesundheitsämter: hochtoxische, quecksilberhaltige Bleichsalben bei Kossowo-Migranten.

 

 

Bei der Themensammlung für die Sitzungen des kommenden Jahres wurden folgende Punkte genannt: 

 

Grundlagen: Enzympolymorphismen ("Ent-Giftung"), Biochemische Aspekte v. Umweltschädigung, Handys?, Elektrosmog, Magnetfeldtherapie?, Toxische Leitsubstanzen (rationelle Labordiagnostik), Impfen (Thiomersal, Formaldehyd, Aluminium), Schwermetallbelastung, Amalgam-Belastung, klinische Umweltdiagnostik, Indikationen für umweltmedizinische Beratung, Algoritmen zur Differentialdiagnose

Praktische Umsetzung: Katamnesen von berichteten Fällen, somatoforme Störung + Abgrenzum zur Umweltkankheit, Erfahrungsaustausch

Falldemonstration

Selbsthilfe: Rechtsberatung für Patienten, Anwälte

Therapien

 

 

Termin der nächsten Treffen: Donnerstag, den 7. Februar und 11. April 2001, wie immer um 20.15 Uhr im Sitzungszimmer der KV-Bezirksstelle Mannheim.

 

Protokoll: Stefan Bilger