Protokoll Qualitätszirkel Umweltmedizin Rhein-Neckar

Sitzung vom 25.09.2003 in der KV Mannheim

 

Anwesende: Siehe Anwesenheitsliste

 

Dr. Mayer wies auf die abnehmende Zahl an Abrechnungsziffern für den „umweltmedizinischen Beratungsservice“ von AOK und IKK hin. Um dem falschen Eindruck, die Umweltmedizin wäre im Rückschreiten begriffen, zu begegnen, sollten unsere Aktivitäten auch vermehrt dokumentiert, d.h. abgerechnet werden.

 

Dr. Berthold Musselmann wies auf einen Bericht über „falschen Bernstein“ an der Ostseeküste hin. Aus Kampfmittel aus den vergangenen Weltkriegen werden Phosphorreste angeschwemmt. Bei Körpertemperatur entzünden sich der Phosphor. Phosphorbrände sind mit Sand- oder Pulverlöscher, nicht mit Wasser erstickbar. Die Substanz Phosphor per se ist in 100mg oral applizierter Dosis tödlich. In nicht letalen Vergiftungsfällen bleiben Leberschäden zurück. Lokale Phosphorkontaminationen werden mit Kalziumgluconat unterspritzt.

 

Fallvorstellung 1: (Dr. Berthold Musselmann) 22-jährige Patientin, zunehmende Müdigkeiten in den letzten 3 Jahren, die Erschöpfung ist verbunden mit einer Polyarthralgie. Die komplette Labordiagnostik ergab nur einen Hinweis auf einen leichten Eisenmangel mit Ferritinerniedrigung auf 17. In der Umwelt-Anamnese zeigt sich ein Hinweis auf eine mögliche Pestizidbelastung bei der Pflege von Hamsterkäfigen. In der Virusserologie ergab sich allerdings ein Hinweis auf eine persistierende Parvo-Virusinfektion. Über den weiteren Fortgang der Diagnostik und Therapie wird berichtet.

 

Fallvorstellung 2: (Dr. Berthold Musselmann) 40-jährige Frau, verheiratet, zwei Kinder, seit 2001 müde, Schlaflosigkeit. Vor Auftreten der Symptome grippaler Infekt. Ab Januar 2002 dann zunehmende Übelkeit, körperliches Versagen, Effluvium und depressive Verstimmung. Sportliche Aktivitäten nicht mehr möglich. Erwähnenswert ist die Geburt eines untergewichtigen Kindes (Frühgeburt). In der soziographischen Beschreibung besteht ein Hang zu Perfektionismus, möglicherweise Leistungsüberforderung. Starke Einbeziehung des Ehemanns in die Krankheits-Symptomatik.

Während des Urlaubs keine Besserung. Die Patientin selbst führt die Symptome auf eine Schimmelpilzbelastung in der Wohnung zurück. [Bekannt sind organschädigende Wirkungen von Mykotoxinen, die inhalativ oder oral partikelgebunden aufgenommen werden. Volatile Komponenten, die den typischen Schimmelgeruch ausmachen, sind wegen der geringen Konzentration wahrscheinlich nicht gesundheitsschädigend.]

Die weiteren Anamnese: Mit 32 Jahren OP eines Basalioms im Bauchnabel (Anmerkung Dr. Martin Jansen: Zunahme von Basaliomen, möglicherweise aktinisch ausgelöst, Veranlagung allerdings genetisch determiniert). An objektiv messbaren Laborveränderungen war lediglich ein Zinkmangel aufgefallen. Bei der körperlichen Untersuchung war eine Onychomykose der Füße festgestellt worden. Es bestand eine Refluxoesophagitis. In der weiterreichenden Anamnese hatte sie in den 70 er Jahren in einem Fertighaus gelebt, das von seiner Bauart her durch hohe Innenraumschadstoffwerte für Formalin und möglicherweise auch Holzschutzmittel bekannt ist. In ihrer Kindheit hatte sie in einem Wohnviertel mit hoher Altlastrückständen verbracht. Eltern und sie seien amtsärztlich untersucht worden. (die damaligen Befunde liegen derzeit noch nicht vor). Ein neurologisches psychiatrisches Konsil erbrachte die Diagnose einer hypochondrischen Depression. Bei der weiteren Suche nach möglichen Ursachen war ein positiver Borrelienlymphozytentransformationstest (LTT) aufgefallen. (Westernblot neg.). Eine Claforantherapie wurde ohne Erfolg durchgeführt. (Alternative Möglichkeiten Eine Roxithromyzin (300 mg) Trimethoprin (2 x 100mg) (Therapie über 5 Wochen gefolgt von 6 wöchiger Pause und Wiederholung für nochmals 5 Wochen wurde durchgeführt).

 

Dr. Mayer stellt die Leitlinie Müdigkeit der Degam im Internet vor. Diese Leitlinie besteht aus einer Langfassung mit ausführlicher Differentialdiagnostik Epidemiologie, Methodik sowie eine Kurzfassung und umfangreichen Patienteninformationen. Der abrufbare Patientenfragebogen ist zur Erleichterung der Anamnese gedacht. Eine Patienteninformation erklärt in klaren Worten Zusammenhänge der Müdigkeit. In Zusatzmodulen werden Hinweise für den Arzt zur Patientenberatung, ein Patientenbrief zum Thema Ermüdung im Teufelskreis der Unterforderung und ein Patientenbrief zum Thema Schlafstörung angeboten. Für den Arzt jeweils dazu ausgearbeitete Hinweisbögen. Das Muster eines Schlaftagebuches kann ebenfalls abgerufen werden.

 

Vorstellung www.Umweltbundesumweltamt.de. Auf diesen Seiten sind abrufbar eine Vielzahl von umweltmedizinisch relevanten Informationen. Auch hier sind Patientenbroschüren online hinterlegt und können jederzeit abgerufen werden.

 

Dr. Mayer schlägt vor, die umweltmedizinische Tätigkeit in der Öffentlichkeit darzustellen. Als Plattform bietet sich die Sendung Gesundheit aktuell des RNF live an. Diese Sendung wird von der KV beratend mitgestaltet, sodass hier eine medizinisch objektive Darstellungsweise möglich ist.

 

Dr. Jansen regt an, im Zusammenhang mit der Ausarbeitung eines Beitrages die derzeitigen Möglichkeiten an umweltmedizinischer Diagnostik, umweltmedizinisches Basiswissen zusammenzutragen.

 

Thema der nächsten Sitzung: Prof. Mersch-Sundermann: Update Umweltmedizin – Schadstoffe im Innenraum, Schädigung durch Duftstoffe.

Termin des nächsten Treffens: ausnahmsweise Mittwoch 29.10.03 in der KV

 

Protokoll: Dr. Manfred Mayer